Die aktuelle Kriminalstatistik für das Jahr 2024 zeigt: Die Zahl der Straftaten hat abgenommen. Gleichzeitig fühlen sich immer mehr Menschen in Deutschland unsicher im Alltag. Wie passt das zusammen?
Die polizeiliche Kriminalstatistik 2024 liefert gemischte Nachrichten. Zwar sank die Gesamtzahl der erfassten Straftaten im Vergleich zu 2023 um 1,7 Prozent auf etwa 5,83 Millionen Fälle. Doch ein wesentlicher Grund dafür ist die Teillegalisierung von Cannabis am 1. April 2024. Dadurch tauchen die Straftaten in Zusammenhang mit dem Konsum von Cannabis nicht mehr in der Statistik auf.
Besorgniserregend ist hingegen der Anstieg der Gewaltkriminalität. Mit mehr als 217.000 registrierten Fällen stieg sie um 1,5 Prozent und erreichte den höchsten Wert seit 2007. Immerhin fiel der Anstieg geringer aus als im Vorjahr, als die Zahl der Gewalttaten im Vergleich zu 2022 um 8,6 Prozent gestiegen war.
Doch auch bei dieser Statistik kommt es auf die Perspektive bei der Betrachtung an. In den Jahren 2022 und 2023 ist die Zahl der erfassten Straftaten zwar gestiegen. Schaut man sich die Zahlen der letzten zehn oder gar 20 Jahre an, ist insgesamt ein Rückgang der polizeilich registrierten Straftaten zu sehen.
Sicherheitsgefühl sinkt signifikant
Obwohl die Zahl der Straftaten insgesamt rückläufig ist, fühlen sich immer mehr Menschen nicht mehr sicher. Das Centrum für Strategie und Höhere Führung gibt zu diesem Thema regelmäßig eine repräsentative Studie beim Institut für Demoskopie Allensbach in Auftrag, bei der im Januar 2025 insgesamt 1.015 Personen befragt wurden.
Das Ergebnis ist eindeutig: Zwischen 2022 und 2025 ist der Anteil derjenigen, die sich in Deutschland sicher fühlen, von 76 Prozent auf 60 Prozent zurückgegangen. 41 Prozent der Befragten haben außerdem angegeben, dass sich in ihrer Gegend in den letzten Jahren die Sicherheit verringert hat. Auffallend ist auch die Zahl der Menschen, die sich vor Anschlägen und Terrorakten fürchtet. Im Jahr 2022 haben sich davor noch 24 Prozent der Befragten gefürchtet, nun sind es 42 Prozent.
Das Gehirn bestimmt, wie sicher wir uns fühlen

Woran das liegt, erforscht Peter Zwanzger. Der ärztliche Direktor des kbo-Inn-Salzach-Klinikums ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Angstforschung und setzt sich intensiv mit der Entstehung und Behandlung von Angst- und depressiven Störungen auseinander.
Im Gespräch mit unserer Redaktion macht er deutlich, warum sich viele Menschen unsicher fühlen, während die Zahl der Straftaten nicht signifikant steigt. Schuld daran ist ihm zufolge unsere Art, zu denken: "Unser Gehirn ist seit Urzeiten darauf ausgelegt, Bedrohungen besonders stark zu gewichten, um unser Überleben zu sichern. Dazu kommt die mediale Berichterstattung: Wir werden tagtäglich mit negativen Nachrichten konfrontiert, was den Eindruck entstehen lässt, dass die Welt unsicherer wird."
Ein einzelnes Gewaltverbrechen bekomme oftmals medial sehr viel Aufmerksamkeit und wirke ganz individuell auch bildhafter auf uns. "Dadurch spielt es in unserer Wahrnehmung eine größere Rolle als zum Beispiel die eher nüchterne Berichterstattung über die sinkenden Kriminalitätsstatistiken."
"Es hängt stark von persönlichen Erfahrungen, der eigenen Biografie und sogar genetischen Faktoren ab."
Das Sicherheitsempfinden ist laut Zwanzger zudem ein sehr individuelles Gefühl: "Es hängt stark von persönlichen Erfahrungen, der eigenen Biografie und sogar genetischen Faktoren ab." Demnach fühlen sich Menschen, die bereits Opfer von Kriminalität geworden sind oder eine ängstlichere Grundpersönlichkeit haben, schneller unsicher.
Der Angst-Forscher kennt aber noch weitere Faktoren, die das Sicherheitsgefühl beeinflussen: "Auch das soziale Umfeld spielt eine Rolle: Menschen, die ein starkes soziales Netz haben, fühlen sich oft sicherer als jene, die sich isoliert fühlen." Gerade dieses soziale Netz ist bei einigen Menschen durch die Isolation während der Corona-Pandemie löchriger geworden.
Auch die Politik kann großen Einfluss auf dieses Sicherheitsgefühl nehmen. Laut Zwanzger können konkrete Maßnahmen dabei helfen, dieses Gefühl zu verbessern: "Gut beleuchtete, gepflegte Straßen und Plätze vermitteln ein Gefühl von Sicherheit. Auch die Stärkung sozialer Strukturen ist entscheidend: Nachbarschaftsprojekte, bürgerschaftliches Engagement und Präventionsarbeit können dazu beitragen, das Sicherheitsgefühl der Menschen zu erhöhen."
Politische Maßnahmen für ein besseres Sicherheitsgefühl
Der Staat sollte sich also mit diesem Problem befassen und an Maßnahmen arbeiten, die für ein erhöhtes Sicherheitsgefühl sorgen. Und solche Maßnahmen wurden im Herbst 2024 auch beschlossen. Das neue Sicherheitspaket der Bundesregierung beinhaltet zum Beispiel neue Regelungen zu Messerverboten in der Öffentlichkeit und damit verbundene anlasslose Kontrollen durch die Polizei.
"Ich glaube schon, dass das Sicherheitspaket maßgeblich ist."
Bei der Vorstellung der Kriminalstatistik betont Bundesinnenministerin
Der Angst-Forscher Peter Zwanzger gibt hierbei allerdings zu bedenken, dass erhöhte Polizeipräsenz nicht immer das beste Mittel ist. Zwar könnten Überwachungskameras und Polizisten in Uniform Sicherheit vermitteln. Aber: "Wenn zu viele solcher Maßnahmen präsent sind, kann das wiederum das Gefühl erzeugen, dass eine große Gefahr besteht. Es muss also ausgewogen agiert werden, so sind sichtbare Sicherheitsmaßnahmen wie auch soziale Präventionsarbeit gleichermaßen wichtig", sagt Zwanzger.
Kritik an Kriminalstatistik
Die Kriminalstatistik als Richtwert für die Sicherheitslage in Deutschland herzunehmen, wird unterdessen regelmäßig kritisiert. In einem offenen Brief vom 1. April 2025 äußern mehr als 40 Organisationen und Initiativen Bedenken hinsichtlich der Aussagekraft der polizeilichen Kriminalstatistik. Sie argumentieren, dass die erfassten Zahlen stark von Anzeigeverhalten und polizeilichen Kontrollen abhängen und daher kein vollständiges Bild der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung liefern. Besonders problematisch sei die politische Instrumentalisierung der Statistik, die häufig ohne Kontext oder differenzierte Einordnung erfolge.
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Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die steigenden Fallzahlen in bestimmten Deliktsbereichen, die laut dem offenen Brief nicht zwangsläufig auf eine reale Zunahme der Kriminalität hindeuten. So könne etwa der Anstieg von Gewaltdelikten mit einer erhöhten Anzeigebereitschaft zusammenhängen, während Rückgänge in anderen Bereichen nicht zwangsläufig bedeuten, dass diese Verbrechen seltener vorkommen. Die Unterzeichner des Briefs fordern daher eine transparentere Darstellung der Daten sowie eine stärkere Berücksichtigung ergänzender Studien, um ein realistischeres Bild der Sicherheitslage in Deutschland zu erhalten.
Die Autorinnen und Autoren des Briefes betonen zudem, dass die polizeiliche Kriminalstatistik ursprünglich nicht als umfassender Indikator für die innere Sicherheit gedacht war. Vielmehr handelt es sich um eine Einsatzdokumentation der Polizei, die vor allem Aufschluss über deren Arbeit gibt. Straftaten, die gar nicht zur Anzeige gebracht oder von den Behörden erfasst werden, tauchen in der Statistik nicht auf – ebenso wenig wie gesellschaftliche Faktoren, die Kriminalität beeinflussen.
Unsere eigene Verantwortung
Peter Zwanzger macht derweil auf einen anderen wichtigen Punkt aufmerksam: Wir alle haben Einfluss auf unser eigenes Sicherheitsgefühl. Wir neigen ihm zufolge dazu, uns an die Vergangenheit positiver zu erinnern als sie wirklich war. Und die mediale Berichterstattung ist heute natürlich viel intensiver als früher.
"Zugespitzt gesagt: Früher gab es keine sozialen Medien, in denen Informationen oftmals ungefiltert überdramatisiert werden und vor allem zu jeder Tag- und Nachtzeit für alle verfügbar sind. Dadurch kann das Gefühl entstehen, dass die Welt gefährlicher geworden ist, auch wenn objektive Zahlen etwas anderes sagen."
Lässt man das Smartphone häufiger in der Hosentasche und setzt sich nicht ständig der Flut an schrecklichen Meldungen aus, kann das bereits dabei helfen, sich sicherer zu fühlen.
Über den Gesprächspartner
- Prof. Dr. med. Peter Zwanzger ist einer der führenden Experten für Angststörungen in Deutschland. Er leitet als ärztlicher Direktor und Chefarzt das kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg am Inn und ist zudem Leiter des Forschungsbereichs Angst und Angsterkrankungen an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
- Als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Angstforschung und Vorstandsmitglied der DGPPN setzt er sich intensiv mit der Entstehung und Behandlung von Angst- und depressiven Störungen auseinander.
Verwendete Quellen
- Centrum für Strategie und Höhere Führung: 16. Sicherheitsreport
- Bundeskriminalamt: Polizeiliche Kriminalstatistik 2024
- Schriftliches Interview mit Peter Zwanzger
- Statement von Nancy Faeser